Rebell: Gerd Arntz

Gerd Arntz said goodbye to his bourgeois background and committed himself to the struggle of the under­privileged workers. […] he has continually criticized social inequality, exploitation and war in clear-cut prints – activism with arti­stic means.*

Kreuzberg | 2.9.2011. Piktogramme, der Versuch einer universellen Symbolik, gar einer allgemein verständlichen Sprache, jenseits von Sprach- und Kulturgrenzen. Statistik, die nicht lügt, umgesetzt in Form einer grafischen Darstellung, die für die Betrachtenden inhaltlich nachvollziehbar ist und sich nicht im Trugbild der Ästhetisierung verliert. So könnte das Anliegen des Grafikers Gerd Arntz beschrieben werden. Darüber hinaus versuchte der in den 1920er Jahren anarchistisch orientierte Arntz durch konstruierte auf Symbole konzentrierte Grafiken, komplexe gesellschaftliche Zustände abzubilden, die gleichzeitig einen aufklärerischen und didaktischen Zweck erfüllen sollten. Obwohl Arntz als Sohn eines Metallfabrikanten aus vergleichsweise wohl­habenden Verhältnissen stamm­te, war sein gesellschaftspolitisches Be­wusst­sein schon im Alter von 20 Jahren so feinsinnig, dass er nicht nur entschiedener Kriegsgegner war, sondern auch auf Seite der Revolution stand. In einem Interview von 1980 äusserte sich Arntz im Alter von 80 Jahren: »Damals war in der Tat noch Hoffnung, dass man die Oberklasse weg­fegen würde, und diese Hoffnung lag auf den Arbeitern«. Er habe „Lehrbilder“ machen wollen, die die nächsten Aufgaben anzeigten, »Kasernenbesetzung, Fabrikbesetzung und solche Dinge.«* Von 1927-34 arbeitete der an der Düsseldorfer Kunstschule als Grafiker/Zeichenlehrer ausgebildete Arntz als Leiter der grafischen Abteilung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien. Hier entwickelte er zusammen mit dem Direktor und öster­reichischen Ökonom Otto Neurath Isotype und Bildstatistik. Isotype geht davon aus, dass beim Lernen die Informations­übertragung durch eindeutige und genaue Bilder komplexe Zu­sammenhänge vermitteln kann.
1932/33 reiste Arntz in die Sow­jetunion, kam in Kontakt mit Kulturschaffenden wie Tatlin und El Lissiztky, ging 1934 nach Den Haag, wo er Leiter der niederländischen statistischen Stiftung wurde. Noch 1943 wurde im Zuge der Besetzung Hollands durch den deutschen Faschismus, Arntz zur Wehrmacht eingezogen, er desertierte jedoch, schloss sich 1944 der Résistance in Paris an und kämpfte gegen die deutschen Besatzer. Nach dem Krieg ging er in die Niederlande, ließ sich dort nieder und arbeitete von 1951-61 als Bildstatistiker für die UNESCO. 1988 starb Arntz in Den Haag. Die heutige Welt der Piktogramme – Arntz schuf über 4.000 Piktogramme – angefangen vom Klo­männchen, über bildhafte Weg­­weiser bis zu komplexen Infografiken wären ohne Arntz und Neurath nicht möglich. Sie sind Vorläufer, wenn auch Ur­sprünge bereits in der Höhlen­malerei liegen. So schließt sich der Kreis; entstand Schrift über Hieroglyphen aus bild­haften Zu­sammenfassungen von [gesellschaftlichen/spirituellen] Zuständen und der Buchstabe bzw. das Wort war die abstrakte Ab­bildung, so sehen wir uns heute in einer globalisierten Welt, in der eine Verständigung jenseits von Sprach- und Kulturlinien funktionieren möchte, immer stärker einer komplexen piktogramm­haften Bildsprache ausgesetzt, die sowohl in Berlin, Mailand, Tokio, Mumbai oder auch Caracas funktioniert.
Informationen
Gerd Arntz Webarchive
Wikipedia | Gerd Arntz
artnet | Gerd Arntz
Gerd Arntz bei Galerie Remmert und Barth | Düsseldorf
Gerd Arntz beim International Institut for Social History | Niederlande
Buchtips
Zeit unterm Messer Holz- und Linolschnitte 1920-1970 | C.W. Leske Verlag | Köln 1988
Gerd Arntz Graphic Designer | Idea Books | Rotterdam | 2010
Arbeiterbildung in der Zwischenkriegszeit: Otto Neurath – Gerd Arntz | Löcker Verlag | 1982
Köln progressiv 1920-33. Seiwert – Hoerle – Arntz. Painting as a Weapon | Verlag der Buchhandlung König | 2008
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Informationen zum Projekt »IKONEN ZUM ANFASSEN«

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