Antifaschist Alvaro Paredes wird wegen Mordes angeklagt

Quito | 11.10.2010. Dem 20-jährigen Antifaschist Alvaro Paredes wurde heute in der 3. Anhörung im »Palacio de Justicia« eröffnet, dass er wegen Mordes angeklagt werde. Alvaro sitzt bereits seit Mai 2010 in Untersuchungshaft. Alvaro wird vorgeworfen einen Faschisten erstochen zu haben. Eine Gruppe Nazis hatte Alvaro am 17. Mai 2010 zuerst verfolgt, dann mehrfach mit Baseballschlägern zusammengeschlagen und ihn dann versucht mit einem Messer zu töten. Der Faschist kam im Handgemenge durch seine eigene Waffe um.
Etwa 75 Freund_innen und Genoss_innen hatten sich heute vor dem Justiz-Palast und dem Gerichtssaal versammelt, um ihre Solidarität auszudrücken. Auch anwesend: Presse und Fernsehkameras; der Einlass in den Gerichtssaal wurde aus Sicherheitsgründen verwährt, obwohl es sich um eine öffentliche Anhörung handelte. Im Gerichtssaal auch die Eltern des toten Faschisten, die sich selbst als Nazis bezeichnen und sich in der vorangegangenen Anhörung die Frage erlaubten, was das Problem sei, wenn man Nazi ist.


Etwa 75 Freund_innen und Genoss_innen versammelten sich vor dem Justizpalast. Aufschrift: »Antifaschist zu sein, ist keine Straftat«
Anwälte und Freund_innen hatten heute auf die Freilassung Alvaros gesetzt, für alle überraschend daher die Ankündigung der Staatsanwaltschaft Alvaro des Mordes an dem Nazi anklagen zu wollen. Entsprechend niedergeschlagen war die Stimmung im Kreis des Solidaritätskommitees, der Gruppe Alvaros, der »Brigada Antifascista Quito« und den Umstehenden.
Hintergrundinformationen | Text vom Mai 2010
SOLIDARITÄT MIT ALVARO PAREDES!

»Dein Leben zu verteidigen, ist kein Verbrechen«

Am Morgen des 17. Mai 2010 wurde Alvaro Paredes in der Nähe der staatlichen Universität Quito von einer Gruppe Skinheads überfallen. Er war gerade auf dem Weg zu einem Internetcafé, als ihm plötzlich zehn Faschisten der ANR (Accion Nacional Revolucionaria) mit Baseballschlägern und Messern gegenüber standen.
Alvaro flüchtete sich ins Internetcafé, die Neonazis folgten ihm und schlugen auf ihn ein. Unter Todesangst verteidigte er sich und schaffte es bis zum Ausgang, rannte über die vielbefahrene Avenida America bis zum Parque Italia. Die Faschisten holten ihn ein, schlugen ihn dort mit Baseballschlägern zusammen bis ihm jemand zu Hilfe kam und er sich in das Institut für Bildende Kunst retten konnte. Er ist dort Student.
Alvaro Paredes ist 20 Jahre alt, Aktivist der Antifaschistischen Brigade Quito, für die er auch als Sprecher auftritt. Die Antifaschistische Brigade Quito ist eine universitäre Gruppe, die Veranstaltungen zum Thema Faschismus durchführt oder Konzerte organisiert.
Es war bereits der dritte Mordversuch an Alvaro durch Nazi-Skinheads.
Einmal wurde im Seminarraum der Uni direkt überfallen, ein anderes Mal wurde er mit einer Pistole bedroht – nur das Eingreifen des Institutsleiters rettete ihm in letzter Minute das Leben.
Doch diesmal hat es einen Faschisten erwischt, der durch sein eigenes Messer starb, als Alvaro sein Leben in Notwehr verteidigte.

Hintergrund
Seit etwas mehr als zehn Jahren gibt es in Ecuador sich selbst als neofaschistisch bezeichnende Gruppen wie die ANR (Acción Nacional Revolucionaria) , die Nationalsozialistische Front Ecuador oder beispielsweise Hitlerjugend Riobamba. Gemein ist den Gruppen die faschistische Idee einer sozialen Säuberung der Städte. In nächtlichen Patrouillen gehen sie gegen Prostituierte, Strassenkinder, Homosexuelle, Bettler_innen und vor allem gegen linke Jugendliche, Punks und Langhaarige vor. Dabei können sie nach eigenen Aussagen in vielen Stadtvierteln auf die Mithilfe von Polizei rechnen. Auch juristisch können sie auf Straffreiheit (Impunidad) setzen, wenn brutale Überfälle oder Morde begehen.
Zwischen 300-400 gewaltätige Neonazis soll es nach offiziellen Angaben landesweit in Ecuador geben. 17 Anzeigen gegen namentlich Bekannte oragnisierte Nazi-Schläger liegen der Staatsanwaltschaft vor.
Der bekannteste Fall ist der vom September 2007, als Faschisten die Sprecherin der kulturpolitischen Initiative Kitu Raymi, Cora Cadena, überfielen. Die Regierung unter Präsident Rafael Correa solidarisierte sich öffentlich mit Cora und versprach den Mordversuch gegen sie nicht straffrei zu lassen. Außer diesem öffentlichen Statement ist bisher allerdings wenig von öffentlicher Seite unternommen worden. Weiterhin verbreiten die benannten faschistischen Banden Terror. Ermordete und verschwundene Strassenkinder und Prostituierte haben meist niemanden, der Anzeige erstattet, die Dunkelziffer der »sozialen Säuberungen« ist sehr hoch.

Alvaros Sicherheit

Am Tag des Überfalles auf ihn, ist Alvaro zunächst untergetaucht. Ein Tag später tauchte ein Videoclip auf der Internetpalttform Youtube auf, in der Alvaro eine Erklärung abgab und den Vorfall detailliert beschreibt. Gleichzeitig wurde der Clip an weitere Medien verschickt.
Auch die Neonazis meldeten sich zu Wort; sie schwören Rache und für jeden toten Kameraden werden sie 100 Antifaschist_innen umbringen. »Wir kriegen Dich auch im Knast, Sieg Heil…« brüllten vermummte Glatzköpfe in Fernsehkamaras.
Während die Medien die Ereignisse mehrheitlich als einen unpolitischen Bandenkrieg darstellen, versucht das Antifaschistische Solidaritätskomitee die gesellschaftspolitischen Hintergründe zu beleuchten und die Tat als das zu benennen, was sie ist: ein politischer Mordversuch gegen einen emanzipatorischen Aktivisten. Das Antifaschistische Solidaritätskomitee ist ein Zusammenschluss diverser linker Initiativen und Einzelpersonen, das sich nach den Ereignisse am 17. Mai 2010 gegründet hat. Die Veröffentlichung der Verbindungen der Faschisten zu kolumbianischen Paramiltärs, aber vor allem deren gute Kontakte zu staalichen Organen Ecuadors, allen voran zu den Sondereinheiten der Polizei, sollen die ecuatorianische Regierung zum Handeln bewegen.
Wie kann es sein, dass trotz aller Anzeigen noch keiner der namentlich bekannten Neonnazis eine Vorladung erhalten hat?
Wieso können Akten dieser Anzeigen in der Staatsanwaltschaft einfach verschwinden?

Alvaros Zukunft
Alvaro ist zur Zeit in Sicherheit, doch er hat Angst um sein Leben, das seiner Angehörigen und Genoss_innen. In der Videoerklärung schildert er nicht nur die Geschehnisse des verhängnisvollen Montags, er erklärt sich auch bereit sich den Behörden zu stellen, wenn diese zusichern, dass sein Leib und Leben geschützt ist. Die Anwälte der Menschrechtsorganisation INREDH haben sich des Falles um Alvaro angenommen und sind bestrebt ihn in einem sicheren Trakt des Gefängnisses untergebracht zu wissen. Eine verbindliche Zusage von offizieller Seite steht bisher aus.
Zunächst würden Alvaro im besseren Falle sechs bis zwölf Monate Untersuchungshaft erwarten und anschließend möglicherweise Freispruch wegen legitimer Notwehr, im schlimmsten Falle mehr als ein dutzend Jahre wegen Mordes. Nicht zu vergessen die Möglichkeit einer quasi Hinrichtung durch Nazi-Skinheads im Gefängnis.
Sein bisheriges Leben, sein Studium ist auf jeden Fall erst Mal beendet und seine Eltern und Geschwister sind ständigen Drohanrufen ausgesetzt.
Das Antifaschistische Komite trifft sich fast täglich um die Solidarität zu organisieren, Geld muss her für die Anwälte, für Alvaros Grundbedürfnisse, für Flugblätter, Plakte und vieles mehr.
Doch vor allem liegt der drohende Rachefeldzug der Faschisten wie ein Damoklesschwert über allem. Aufmärsche und Veranstaltungen sind bereits von Nazi-Seite angekündigt.
Antifaschist_innen haben ebenfalls zu einer Demo aufgerufen. Wird es zu weiteren Toten kommen?
Wann reagiert der sich als progressiv bezeichnende ecuatorianische Staat endlich auf den rechten Terror?
Warum werden die Polizeieinheiten, die in den von Skinheads kontrollierten Stadtvierteln so gerne beide Augen zudrücken, nicht endlich Mal unter die Lupe genommen?
Viele Fragen und außer oberflächlichen Erklärungen der Regierung bisher keine Antworten. Wartet die sich als »sozialistische Bürgerrevolution« anpreisende ecuatorianische Regierung bis es zu spät sein wird? Als Sozialist sollte man seine Hausaufgaben machen, dazu zählt selbstverständlich die grundsätzliche Bekämpfung faschistischen Terrors, neonazistischer Banden und ihrer Helfer.
Für die aktiven Antifaschist_innen ist klar, das sie nicht darauf warten können und rufen auf zur internationalen Solidarität mit Alvaro Paredes.
E-Mail des Solidaritätskommitees: comitesolidaridadantifascista@gmail.com

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