»Putsch«versuch in Ecuador


Quito | 30. September 2010. Der dritte Tag in Ecuador. Wir [ein Freund, bei dem ich wohne, ich nenne ich im weiteren J.] verlassen gegen 9.00 Uhr das Haus in Tumbaco [Großdistrikt Quito, südöstlich gelegen] und fahren Richtung Quito Centro. Ich will zur »Dirección General de Extranjera del Ministerio de Gobierno« und zur »Dirección Naccional de Migración«, um einerseits mein Visum registrieren zu lassen und andererseits einen »Censo« zu beantragen. Der »Censo« ist faktisch meine offizielle Registrierung, mit dem ich eine Art einfachen Ausweis erhalte. Mein Freund J. will zur Arbeit, er hat eine kleine Reiseagentur, die »Aventura«-Touren in Ecuador anbietet.
Es ist enormer Verkehr in Richtung Centrum, wie jeden Tag, nur diesmal irgendwie mehr, überall Staus. Als wir Richtung historischem Zentrum auf der »Avenida Patria« unterwegs sind – es ist bereits 10 Uhr – geht nichts mehr. Alles dicht. Vor uns in einiger Entfernung schwarze Rauchschwaden, wir sind in der Nähe der »Casa de la Cultura« auf Höhe der ehemaligen Botschaft der U.S.A., ein Bunker, der jetzt von der Generalstaatsanwaltschaft weitergenutzt wird. Ich war 2002 und 2005 oft hier, wegen Aktionen und Demonstrationen gegen die ehemalige Militärbasis in »Manta«, auch in der Casa de la Cultura war ich des öfteren.


Quito | 30.9.2010 | Durch »Chapas« besetzte Kreuzung | Avenida Patria/Avenida 6 de Diciembre

Gerüchte I
J. erhält einen Anruf, dass ein Klient gerade in Guayaquil aus Europa angekommen ist, sein Weiterflug auf die Galapagosinseln gestrichen sei, überhaupt der Flugverkehr in Guayaquil stillsteht, ihm sei etwas von nationalem Notstand erklärt worden. J. verspricht mehr Informationen zu besorgen und sich seiner Sache anzunehmen.
Wir diskutieren, was der Grund sein könnte, Demonstration der Kulturleute, weil diese seit Monaten keine Löhne bekommen haben, wie einige Bekannte von J. Aber die Aktion der Straßensperre sei eigentlich nicht ihr Stil, zumal das Sperren von Straßen generell und mit brennenden Autoreifen im Speziellen unter der Regierung R. Correas mit der Rethorik des »Terrorismus« angegangen wird. Für die Demonstrationskultur in Ecuador ein wesentlicher Einschnitt, da in den Protesten für bessere Lebensbedingungen oder gegen die jeweiligen Regierungen der »Corto«, die Straßensperre ein wichtiges Mittel zur Untermauerung der Bedürfnisse der Bevölkerung war.
Wir entscheiden uns irgendwo in »Mariscal«, der »Zona«, dem Touristenviertel abzuparken, verabreden uns, da ich meinen Papierkram erledigen möchte und J. sich dringend um den Klienten kümmern muss.
Wir parken auf einem bewachten Parkplatz, da die Kriminialität in diesem Teil Quitos hoch ist, zumal J. bereits zwei Autos geklaut wurden.
Die schwarzen Rauchschwaden, die Versammlung auf der Kreuzung »Avenida Patria« und der »Avenida 6 de Deciembre«, direkt zwischen Kentucky Fried Chicken [KFC], MacDonalds und der »Casa de la Cultura« erzeugen unsere Neugier; zumindest kurz informieren, was los ist.
Von weitem sind unglaublich viele Bullen zu erkennen, obwohl die Straßensperre von er Anzahl der Beteiligten eher gering ausfällt. Ich mache noch Witze, dass es wie eine Bullendemonstration aussehe, was die nun schon wieder hätten. Bullen heißen hier »Chapas« und ebenso unbeliebt wie in allen Ländern der Welt. Korrupt, brutal und immer ein Potenzial, dass in Krisenzeiten auf Seiten der Rechten gegen fortschrittliche Bewegungen oder Regierungen agiert.
Die »Chapas« gerieren sich wie Hooligans, zünden Autoreifen auf der Kreuzung an, lassen niemanden durch, außer sehr reiche Pinkel, die mit dem Daumen hoch und hupend bestätigend mit ihren dicken Autos langsam an uns vorbeifahren.
J. hat rumtelefoniert, wegen seines Klienten. Es gibt Streik heißt es, Gelder im öffentlichen Sektor seien gestrichen worden, die Angestellten der Flughäfen und der Polizei seien im Streik. Nicht nur in Guayaquil auch in Quito gehe nichts mehr. Straßensperren zeichnen hier die Streikaktivitäten aus. Der Tourismusklient muss sich wohl gedulden…
An sich eine legitime Sache zu streiken, wenn die Bezahlung ausbleibt.
Die Situation an der Kreuzung wird nicht entspannter, wir versuchen die »Chapas« zu fragen, was der Grund ihres Auflaufes ist, sie winken ab, wollen nicht reden, brüllen nur immer wieder, dass sie die Schnauze voll hätten und legen gleich mit »Bajo Correa« [Nieder mit Correa] nach. Die Umstehenden sind ziemlich sauer, brüllen ihrerseits, dass die »Chapas« arbeiten gehen sollen. Es kommt hier und da zu erregten Schubsereien. Es ist von »Zappos« die Rede, ein auf einem Motorad vorbeifahrender Polizist wird angegangen, er entkommt. »Zappo« bedeutet so etwas wie Verräter. Verrat an was?
Endlich erfahren wir von Umstehenden, dass den Bullen die Boni gestrichen wurden, so etwas wie das Weihnachtsgeld, Sonderzuschläge etc. Die Leute haben wenig Verständnis dafür, da sie der Ansicht sind, die verdienen ohnehin genug und seien korrupt.
Irgendwas stimmt hier nicht; mein erster Eindruck, es geht hier nicht um die Kürzungen. Ich will Fotos machen, ein Umstehender warnt mich, ich solle das lieber nicht tun. Ein Kameramann taucht auf, will filmen, sofort wird er aber hart angegangen. Die Bullen zerren an seiner Filmkamera, die Leute zerren am Kameramann, der letztlich fliehen kann.
J. und ich diskutieren, dass dies alles an Putschsituationen, z.B an Allende 1973 in Chile etc. erinnere, dass dies eine Art ist, die politische Lage eines Landes zu destabilisieren. Wir kommen aber beide zum Schluss, dass hier irgendwas nicht stimmt. Auch die Umstehenden spekulieren wild…
Gerüchte II
Immer wieder Telefonate. J. hat alle Hände voll zu tun, zu telefonieren, Informationen zu bekommen, ob der Klient seine Flüge erreichen könne, in ein Hotel muss oder es sonst eine Möglichkeit gäbe. Das ganze Land scheint lahmgelegt zu sein. Der Verkehr um uns herum ist ein Irrsinn.
Quito ist ohnehin völlig überfüllt von Autos, so dass seit Mai das »Pico y Placa«-System eingeführt wurde. Je nach Nummernschild gibt es Tage, die das Auto nur eingeschränkt bewegt werden darf. Es soll zur Verkehrsentlastung führen, was es auch tut, aber die Reichen umgehen diese Mobilitätseinschränkung mit einem zweiten Auto.
Im kleinen Büro von J. gibt es kein Internet, seine Mitarbeiterin A. ist angekommen. Nichts geht also.
Meine Pläne zur Migrationsbehörde und zur Stelle für auswärtige Angelegenheiten zu gehen, haben sich auch erledigt. Einerseits sind es öffentliche Einrichtungen, wo die Mitarbeiter_innen den Gerüchten zu Folge im Streik sind und der »Trole« und »Ecovia«, beides Buslinien, sind geschlossen. Auch sonst kein Durchkommen.
Wir schnappen immer mehr Informationen auf, die Straßen sind voll mit Leuten, die heftig diskutieren und vor allem spekulieren.
Wir bewegen uns im Viertel »Mariscal«, folgen weiteren schwarzen Rauchschwaden, die aus Richtung der »Jeftura de la Policia Judicial«, einer nahegelegenen Bullenstation im Viertel kommen. Wir bleiben an einem Lokal stehen, um Nachrichten aufzufangen. Es stimmt, alle Bullen sind im Ausstand, was die Kriminalität unmittelbar befördern wird. Alle Flughäfen dicht, wir sehen Bilder aus Guayaquil mit rennenden Menschenmassen, der Kommentar lautet, es gäbe Plünderungen, Raubüberfälle und Übergriffe. Die Bilder geben das nicht her, aber in jedem Fall eine chaotische Straßensituation.
Viel entscheidender ist die Information, dass die Bullen den Präsidenten im Krankenhaus festgesetzt hätten. Es ist ca. 11 Uhr. Sondersendungen in den Medien. Immer wieder Interviews mit »Chapas«, die jammernd feststellen, dass es ihnen reiche und den Präsidenten erst gehen ließen, wenn die Kürzungen zurückgenommen würden.
Rafael Correa wurde erst kürzlich am Knie operiert, was seine Anwesenheit im Krankenhaus erklärt, jedoch überschlagen sich die Gerüchte, in welchem Krankenhaus er sei. Eigentlich war er im »Hospital Metropolitano«, jetzt sei er aber in im »Hospital Policial«, unweit des »Metropolitano«.
Das würde bedeuten, die Bullen hätten wegen der Kürzung der Boni [z.B. der Streichung von Geldern für Spielzeug ihrer Kinder] bei einem vergleichsweise guten Gehalt den Präsidenten entführt. Das kann keiner der Menschen in der Straße glauben, entweder steckt etwas anderes dahinter oder die Informationen sind schräg.
Wir gehen zur »Jeftura de la Policia Judicial«. Schwarzer Qualm, Bullen in einer Körpersprache des Sieges, verunsicherte und leicht verstörte Passant_innen. Anzugträger/Geschäftsleute im Gespräch mit einzelnen Bullen. Zivilpolizisten zahlreich anwesend. Die »Jeftura« ist bewacht, nur Bullen können rein und raus. Handgemalte Plakate sind am Zaun angebracht; »Auch uniformierte haben Menschenrechte!«, »Menschenrechte und ökonomische Sicherheit für uns!«; »Raus mit der Führungsspitze!«.
J., der schon lange im Land lebt, versucht die Situation gedanklich zu ordnen. Die Führungsspitze der Polizei sei erst vor einigen Wochen durch die Regierung Correa ausgetauscht worden. Die seien eher regierungstreu.
Die Frage, die im Raum steht: welche Rolle spielt das Militär? Sind sie regierungstreu, »neutral« oder opponieren offen gegen die Regierung.
Allgemein ist bekannt, dass die Luftwaffe und Marine eine Haltung gegen die Regierung Correa hat, u.a. auch, weil er Menschen aus dem ziliven Sektor zu ihren Vorgesetzten gemacht hat. Die »Fuerzas terrestres«, die Armee steht angeblich auf Seiten des Präsidenten.
Trotz unbestätigter Informationen, ist doch allen klar, dass es hier nicht um Weihnachtsgeld oder eine ungerechte Behandlung geht.
Ich schnappe einen Dialog zwischen einem Anzugträger und einem Bullen auf. Sie bestätigen sich gegenseitig, dass die Regierung Correa abgewirtschaftet habe, dieser Prozeß endlich ein Ende haben müsse. Der Bulle protzt mit vielsagender Mine, dies sei nur der Anfang. Der Anzugträger stellt wie alle die Frage nach der Rolle der Militärs. Der Bulle mit Siegerlächeln: »Wir werden sehen, einfach abwarten…«. Der Anzugträger trollt sich zufrieden.
Die »Jeftura« ist eine berüchtigte Polizeistation. Im Keller wurde früher gefoltert, was offiziell unter der aktuellen Regierung geächtet ist und auch gesellschaftlich versucht wird durch Untersuchtungskommissionen aufzuarbeiten. Opfer der Folter berichteten übereinstimmend, dass im oberen Stockwerk ein Baseballschläger mit der Aufschrift »Menschenrechte« bereit stand. Sobald Verfolgte in den Händen der Polizei auf ihren Menschenrechte hinwiesen, bekamen sie als Antwort den Baseballschläger aus dem oberen Stockwerk.
Columbianische Bekannte, die sich im informellen Sektor [Straßenverkauf z.B.] verdingen, berichteten auch in neuerer Zeit von diesen Methoden der Polizei, da sie oftmals drangsaliert, schikaniert und verhaftet wurden/werden.
Spätestens jetzt ist uns klar, dass hier eine Art Putsch im Gange ist…


Quito | 30.9.2010 | Präsidentenpalast | Plaza Grande

Gerüchte III
Immer noch viele Telefonate mit Bekannten. Die Informationslage ist folgende, als wir uns auf den Weg in das historische Zentrum machen, an deren Eingang das Büro der kleinen Reiseagentur von J. liegt: Flughäfen dicht, Polizei und Angestellte der Flughäfen im Streik, Plünderungen im Süden des Landes, der Präsident festgesetzt im Krankenhaus der Polizei.
Mit uns strömen zahlreiche Menschen Richtung historisches Zentrum. Wir treffen einen Freund, es ist C. [den ich seit 2005 nicht gesehen habe]. Er arbeitet seit dem Regierungswechsel als studierter Ökonom im Staatsapparat.
Nichtsdestotrotz nach wie vor Aktivist. Er bestätigt unsere Informationen und ist überzeugt, dass es ein Putsch gegen die Regierung ist.
Alle, die auf der Seite des Prozesses und der Regierung Correa stehen, sammelten sich auf der »Plaza Grande«, vor dem Regierungspalast.
Sofort sind wir bei der Parallele zu den Ereignissen 2002 in Venezuela, als Militärs und Medienmogule gegen die Regierung Hugo Chavez putschten. Auch da war es die Bevölkerung, oder wie man hier sagt »El Pueblo«, die die bescheidenen Errungernschaften unter der neuen bolivarianischen Verfassung und den begonnen fundamentalen sozialen Prozess verteidigten, in dem sie zum Präsidentenpalast »Miraflores« zogen. [Alles dokumentiert im Film: »La revolución no se transmita«].
Wir treffen immer mehr Freund_innen und Bekannte. Einerseits ziehen immer mehr Menschen Richtung »Plaza Grande«, andererseits sind immer noch Regierungsgegner_innen an den Straßensperren, brennenden Barrikaden und schwarzqualmenden Autoreifen unterwegs. Wie passieren eine Straßensprerre der Angestellten der Flughäfen. Sie haben sich eine Barrikade angezündet und stehen quer auf der Straße. Ebenso die Taxis, Busse und Autos. Die Hand aus dem Fenster des Autos mit einer Handgeste bedeutet »No hay paso«, kein Durchkommen.
Es ist nicht ohne weiteres klar, wer nun auf der Seite Correas steht und wer nicht. Es ist ja nicht so, dass es keine progressiven Kritiker_innen der Regierung Correa gäbe. Aber sich in eine Reihe stellen mit Bullen und rechten gesellschaftlichen Kräften und Steigbügelhalter für einen Putsch gegen einen demokratisch gewählten linksliberalen Präsidenten zu sein, der über 60% der Zustimmung der Ecuadorianischen Bevölkerung hat, ist undenkbar.
Unzählige Telefonate werden geführt. Die Informationslage ist weiterhin diffus, es ist sehr schwierig sich zu diesem Zeitpunkt ein Überblick zu verschaffen, geschweigedenn sich ein geschlossenes Bild zu machen.
Wir lassen unsere Rucksäcke im Büro, verabreden uns mit Freund_innen und Genoss_innen auf dem »Plaza Grande«. Wir sind ziemlich aufgekratzt und angespannt.


Quito | 30.9.2010 | Über 3000 Menschen versammeln sich schon am Vormittag vor dem Präsidentenpalast


Quito | 30.9.2010 | Plaza Grande | »Aufgepasst, Aufgepasst! Raus, raus mit den Putschisten! Alle auf die Straße zur Verteidigung Correas«

Dialog contra Entführung
Als wir um 12.30 Uhr auf dem »Plaza Grande« ankommen, sind schon ca. 3000 Menschen anwesend. Immer mehr strömen herbei. Keine einziger Polizist ist zu sehen. Einige Militärs bewachen den Präsidentenpalast. Die Ecuadorianische Fahne prägt das Szenario. Sowohl die Leute haben unzählige dabei, also auch der Palast ist mit einer riesigen ausstaffiert. Vom Balkon werden Reden gehalten und aktuelle Informationen verbreitet. Der Präsident sei in den Händen der Polizei, es wird von Putschisten gesprochen und dass man den Weg des Dialoges nicht verlassen dürfe. Correa sei ein demokratisch gewählter Präsident. Dies sei ein Anschlag auf den begonnenen Umbruchprozess in Ecuador und ganz Südmerika. Es wird Bekanntgegeben, dass sich die OAS [Organisation Amerikanischer Staaten«] zu einer Sondersitzung getroffen habe, um der Regierung Correa politische Rückendeckung [espaldarazo] zu geben.
Das Ereignis schlägt also schon internationale Wellen. Das beruhigt uns etwas. Eine Situation wie in Honduras wünscht sich hier niemand, dafür sind unmittelbare politische Reaktionen von fundamentaler Bedeutung.
Immer wieder betonen alle Redner_innen, dass ein Dialog her müsse. Die Leute auf der »Plaza Grande« interessiert vor allem die Haltung des Militärs. Im Fernsehen hat sich der Militärchef um 10.30 Uhr für am »Rande der Ereignisse« erklärt, was nichts weiter hieß, dass sie sich raushalten.
Das bedeutet, keine Sicherheitskräfte in den Straßen. Eine für eine Land wie Ecuador sehr schwierige und möglicherweise destabilisierende Situation.
Wir versuchen weiter uns ein Bild zu machen. Wir hören den Reden zu, die aber mehr pathetisch als informativ sind. Immer wieder gehen wir in nahegelegene Geschäfte und gucken Nachrichten, die mittlerweile alle das selbe berichten.


Quito | 30.9.2010 | Plaza Grande | Wahlplakat der »Alianza País« mit ihrem damaligen Kandidaten Rafael Correa


Quito | 30.9.2010 | Plaza Grande | »Respekt gegenüber der Demokratie« | Ecuadorianische Fahne

Ausnahmezustand
Allerlei Politiker_innen und Personen des öffentlichen Lebens rufen sowohl vom Präsidentenpalast als auch im Fernsehen zu einer breiten Front zur Verteidigung der Republik und des Präsidenten auf. So auch ein kommunistischer Vertreter, der unter einer Roten Fahne mit Hammer und Sichel frenetischen Beifall erhält. »Correa Amigo, el pueblo está contigo« [Correa, Freund, das Volk ist mit dir!] halt es immer wieder über den Platz. Die Ministerin für die Koordinierung politischer Angelegenheiten, Doris Soliz, ruft alle Menschen auf, ihre Häuser zu verlassen und auf die »Plaza Grande« zu kommen bzw. in einer großen Demonstration zum Polizeikrankenhaus zu ziehen, um die Entführung [secuestro] des Präsidenten zu beenden. Die Frage steht im Raum: Warum greift das Militär nicht zu Gunsten des Präsidenten ein? Jede andere Entführung wäre längst durch den Einsatz von Spezialkommandos beendet worden. Offiziell heisst es, der Präsident setze auf Dialog und habe noch keine Freigabe erteilt für den Einsatz der stehenden Heeres gegen die Polizei[einheiten].


Quito | 30.9.2010 | Vom Präsidentenpalast wird zu einer breiten Front gegen die Putschisten aufgerufen, Minuten später wird der Ausnahmezustand erklärt

Gegen 13 Uhr wird vom Balkon des Präsidentenpalastes der »Estado de Emergencia«, der Ausnahmezustand verhängt. Um 12 Uhr wurden alle öffentlichen Einrichtungen geschlossen. Auch viele Geschäfte sind bereits geschlossen. Es wird Punkt für Punkt des Ausnahmezustanddekrets verlesen; Gleichschaltung der Medien, eingeschränkte Pressefreiheit, Versammlungsverbot, Einberufung eines Krisenrates, Möglichkeit der Einsatz der Militärs usw. Bei jedem Punkt applaudiert die Menge.
Uns ist unwohl, Ausnahmezustand bedeutet – trotz Applaus – eine fundamentale Einschränkung von Bürger- und Menschenrechten. Ich halte mich mit dem Applaus eher zurück.

Widersprüche
Die Rethorik ist allerdings eine völlig andere als in Europa. »Para vosotros la luz, para nosotros nada.« [Für euch das Licht, für uns nichts], nicht die einzige Parole, die von den Zapatisten entlehnt vom Balkon herunterschallt. Vom gemeinsamen Singen des »El pueblo unido« bis »Hasta siempre« wird die gesamte [revolutionäre] Geschichte Südmerikas bemüht. Die »Revolución Ciudadana« sei nicht aufzuhalten, auch nicht durch eine Konspiration.
Einerseits reisst es mich mit, andererseits misstraue ich zutiefst jenen Regierungen, die einen linken Diskurs drauf haben, aber einen sehr autoritären Führungsstil an den Tag legen und im alltäglichen Geschäft linken bzw. linksradikalen Initiativen das Wasser abgraben bzw. diese mit Repression überziehen. Auch jetzt ist im Fernsehen von extremen Rechten und extremen Linken Kräften, gegen die man sich zur Wehr setzen müsse, die Rede. Ich frage mich an dieser Stelle, welche extreme Linke in Ecuador das sein soll? Der selbe Gleichsetzungmist in Sinne der Totalitarismusideologie wie in der BRD. Das ist mir suspekt. Die linken Basisintiativen und Gruppen, die z.T. auch heftige Kritik an der Politik Correas üben, werden von Regierungsseite als »Izquierda Infantil« [kindische Linke] bezeichnet. Und genau diese »kindische Linke« und ihre Aktivist_innen sind es, die heute mit als erste auf der Straße sind, um Correa und den begonnenen Umbruchprozess zu verteidigen.
Im Zeitalter nach dem 9.11.2001 ist man auch in Ecuador schnell mit dem Terrorismusvorwurf seitens staatlicher Institutionen bei der Hand, um seine Machtpfründe zu sichern, oder einfach unbequeme Oppositionelle [auf der linken Seite] zu deskriditieren oder mit Repression zu überziehen.

Gerüchte IV
Wir erhalten einen Anruf von P., einem Freund, der journalistisch tätig ist. Wir wollen ihn treffen, weil er zum einen eine Kamera hat, die wir zum aufzeichnen nutzen können, zum anderen wollen wir einen Bekannten interviewen, der von der Polizei vor dem Krankenhaus, in dem Correa festsitzt, angeschossen worden ist. Gerüchte sagen, er sei schwer verletzt und müsse operiert werden. Das Krankenhaus »Hospital Pichincha«, in dem der Angeschossene liegt, befindet sich etwas im Norden, aber auch in Richtung des festsitzenden Präsidenten. Wir verlassen den »Plaza Grande«. Etwa 5000 Menschen sind jetzt dort. Ein anderer Teil ist bereits auf dem Weg zum Polizeikrankenhaus.


Quito | 30.9.2010 | Brennende Reifen auf der Avenida America

Wir setzen uns in ein Taxi und jagen los. Einerseits Verkehrschaos, andererseits sind alle Läden dicht – wie an einem Sonntag. Eine zutiefst angespannte Atmosphäre. Wir fahren wirr an brennenden Straßensperren vorbei und erreichen das Krankenhaus. Eine Bekannte des Angeschossenen ist ziemlich aufgelöst, berichtet aber gefasst, dass dieser förmlich durchsiebt wurde. Er sei von Schrotkugeln mit 80 Einschlägen getroffen worden, aus unmittelbarer Nähe durch einen Bullen. Sie seien in der Demonstration Richtung Polizeikrankenhaus mit erhobenen Händen der Polizei entgegen getreten, ihr Freund habe eine Kamera gehabt und fotografieren wollen, da habe der Bulle sofort geschossen. Das ganze Gesicht sei zerfetzt, er jetzt aber wegen einer Notoperation in ein nahegelegenes, anderes Krankenhaus verbracht worden.
P. hinterlässt ihr seine Telefonnummer, um dieses erste Blutoper nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Wir beschließen sofort auch zum »Marcha hacia el presidente« [Demonstration Richtung Präsident] dazuzustoßen.


Quito | 30.9.2010 | Tausende Menschen ziehen die Avenida Mariana de Jesus Richtung Polizeikrankenhaus, wo der Präsident festgesetzt ist
Tränengas

Es ist bereits nach 16.30 Uhr als wir im Norden Quitos über die Avenida America ankommen. Wir steigen noch an der Avenida America aus, um uns dann Richung »La Granja« bergaufwärts die »Avenida Mariana de Jesus« zum Polizeikrankenhaus zu begeben. Kaum sind wir ausgestiegen, brennt uns schon das Tränengas in Augen, Nase und Gesicht. Überall Leute, tiefrote Augen. Wir bewegen uns trotzdem aufwärts, immer mehr Leute, tausende. Brennende kleine Feuer und Straßenbarrikaden, auch damit das Tränengas gebunden wird und nicht so brennt. Immer wieder begeben sich Menschen zu den kleinen Feuern, um »frische Luft« zu atmen, wenn das Tränengas unerträglich wird.
Wir benässen uns T-Shirts und Tücher aus einem aufgefundenen Wasserschlauch, dann beisst das Gas nicht so. Immer wieder kommt die Menge in hektische Vorwärts- und Rückwärtsbewegung. Ganz vorne werfen viele voller Wut Steine gegen die Bullen, die sich ihrerseits mit heftigen Gasattacken die Leute vom Leib halten. Dann fließt die Menge zurück, weil das Tränengas in hoher Konzentration eine immense Stoppwirkung hat.


Quito | 30.9.2010 | Beissendes Tränengas drängt die Leute immer wieder zurück

Das geht jetzt die nächsten zwei Stunden so. Die Menge rückt allerdings immer weiter höher vor bis zum Krankenhaus. Irgendwann lässt der Gasbeschuss nach. Die Leute drängen hoch. Immer wieder Gerüchte, dass sie den Präsidenten freilassen werden, damit er dann zur »Plaza Grande« kann.
Unser Freund R., der auch in Quito zu Besuch ist, sonst aber in der Provinz Esmeraldas wohnt, hat einen MP3-Player mit Radio. Er versorgt uns mit aktuellen Meldungen. Immer wieder wird dementiert, der Präsident sei frei.
Gegen 18 Uhr heisst es, die Bullen wollen nicht verhandeln, sie werden den Präsidenten auf keinen Fall frei geben. Sie sind im 3. Stock des Krankenhauses mit dem Präsidenten.


Quito | 30.9.2010 | Keuchend und heulend haben sich die Leute bereits bis zum Hospital Metropolitano vorgekämpft

Die Menge von ca. 10.000 Menschen ist jetzt direkt vor dem Krankenhaus. Die Straße und einige umliegende Mauern sind stark in Mitleidenschaft gezogen. Irgendwoher müssen die Steine ja kommen. Nach über einer halben Stunde ohne Tränengasbeschuss geht es wieder los. Es dämmert, innerhalb von 20 Minuten ist es dunkel. Pressevertreter mit Kamera stürzen sich auf ein [!] kaputtes Auto.
Die Bullen hatten keine Kartouchen mehr, also haben einige Krankenwagen und in zivil gekleidete Bullen auf Motorrädern neues Gas herangebracht. Als das die Leute mitkriegen, verprügeln sie wütend einen ertappten Bullen, der den ganzen Rucksack voller Gaskartouchen hat. Sie fordern die Ambulancen auf, ihre Türen zu öffnen, um zu zeigen, dass sie nicht mit den Bullen kooperieren. Es hilft nichts, gegen 19.30 Uhr ist der Gas-Beschuss so stark, dass die Leute sich nach unten zurückziehen müssen.


Quito | 30.9.2010 | Hospital Metropolitano | Immer mehr Leute stellen sich den verhassten »Chapas« entgegen

El Pueblo [Das Volk]
Die Gerüchte reissen nicht ab. Jetzt ist klar, das Militär wird eingreifen, auch die Grupos Operativas Especiales [GOE] sind auf dem Weg, um den Präsidenten zu befreien.
Die Leute auf der Straße sind vollkommen gemischt. Das betrifft sowohl die Alterstruktur als auch kulturelle Hintergründe wie Kleidungscodes. Vom Kind bis zur gebeugten Oma, von der Studentin, über Schüler_innen in Uniformen bis hin zu Anzugträgern sind alle auf der Straße. Auch für einen 50-jährigen in Anzug ist es selbstverständlich sich am Bau einer Barrikade zu beteiligen. Alle helfen sich gegenseitig, reichen sich Wasser und Zigaretten. Oder greifen jenen unter die Arme, die aufgrund des Tränengases mit zugeschwollenen Augen blindlinks die Straße herunter stolpern.


Quito | 30.9.2010 | »El Pueblo« harrt über Stunden aus | Avenida Mariana de Jesus


Quito | 30.9.2010 | Barrikaden, Steine und Feuer gegen Tränengas und Putschisten

Nachrichten und Liveübertratgung
Wir beschließen angesichts der Dunkelheit, des stundenlangen Gasbeschusses und des anrückenden Militärs unser Auto wieder zu organisieren und den restlichen Verlauf des Putschtages mit Fotos hochladen, Filme schneiden und Nachrichten hören und gucken, zu verbringen.
Die ganze Zeit sind wir über das kleine Radio von R. auf dem Laufenden. Wir besteigen wieder ein Taxi, holen das Auto, treffen noch Bekannte auf ein Getränk, um uns ein Bild zu machen, uns etwas an die Wirklichkeit heranzutasten. Was steckt dahinter, wer steckt dahinter, vor allem wem nützt es, was wurde hier ausgetestet? Die Stadt ist faktisch menschenleer, nur vor Orten wie dem Polizeikrankenhaus, Radio Luna [unabhängiges Radio, welches schon beim Aufstand der »forajidos« zum Sturz vom damaligen Präsidenten Lucio Gutiérrez eine wichtige Rolle spielte] oder auf der »Plaza Grande« sind die Menschen versammelt. Quito ist bei Dunkelheit auch nicht gerade die sicherste Stadt, auch nicht in Zeiten ohne Putsch.
Die Befreiung von Rafael Correa durch die GOE erleben wir im Auto auf menschenleeren Straßen im Radio. Zu Hause angekommen [Tumbaco] schalten wir den Fernseher ein, als justamente Rafael Correa seine Rede auf der »Plaza Grande« hält. Auf allen Fernsehsendern [es gibt wegen des Ausnahmezustandes nur wenige] wird live berichtet. Während der Präsident seine Dankesrede an das »tapfere Volk« und die Helden der GOE hält, liefern sich Militäreinheiten und die GOE auf der einen Seite und die Polizei auf der anderen Seite auf dem Gelände und im Polizeikrankenhaus heftige Gefechte, die ebenfalls live übertragen werden. Ein Polizist der GOE wird erschossen und bleibt vor laufender Kamera regungslos liegen, die meuternden Polizeieinheiten haben u.a. Scharfschützen postiert und es kommt immer wieder zu heftigen Schießeren. Nach 1,5 Stunden hat das Militär die Lage beim Krankenhaus unter Kontrolle.


Quito | 30.9.2010 | »Policia: Ingrata, corrupta y rata« [Polizei: undankbar, korrupt und Ratten]

Ansprache des Präsidenten
Kurz nachdem Rafael Correa seine Rede vom Präsidentenpalast unter nicht enden wollenden Hochrufen auf der »Plaza Grande« beendet hatte, gab er eine offizielle Regierungserklärung zu den Ereignissen ab.
Er bedankte sich zunächst bei dem Teil der Bevölkerung, die ihn unermüdlich unterstützt hat, nannte die Befreiungsaktion und die Sondereinheit der GOE heldenhaft, beschrieb seine unmittelbare Situation, die er durchlebt hatte, sprach von einem Putschversuch, einer Konspiration, dass es selbstverständlich nicht um die angeblichen Kürzungen bei der Polizei ginge, denn keiner der befragten Polizisten habe das Gesetz gelesen. [Unterm Strich bekommt die Polizei mehr Geld, die formell gekürzten Zuschläge sind für einen Gesamttopf für die Verbesserung der Infrastruktur und der Situation in der Polizei]. Er beschuldigte die rechten Kreise rund um die Gebrüder Gutiérrez [Lucio Gutiérrez, Ex-Präsident und Gilmar, seinen Bruder], die weitreichende Kontakte ins Militär hätten, im Hintergrund verantwortlich für den Putschversuch zu sein. Hiermit sprach er erstmals öffentlich aus, was der Hintergrund für die dubiose Situation dieses 30. September 2010 sein könnte, rechte Kreise und Widersprüche im Militärapparat.
Gleichzeitig betonte er, dass nicht die gesamte Polizei verantworltich sei, es aber einschneidende Konsequenzen haben werde.

Aktuelle Situation
Bei der Entführungsaktion des Präsidenten mit putschartigem Charakter und destabilisierender Wirkung wurden über 100 Menschen verletzt, ein Toter ist bisher zu verzeichnen. Unbestätigten Angaben zufolge hat es bis zu vier Tote gegeben.
Der Ausnahmezustand wurde zunächst auf vier Tage verlängert. Es herrscht Versammlungsverbot. Nur wenige TV-Sender sind auf Sendung, allerdings kontrolliert. Alle Polizisten sind aus dem Präsidentenpalast entfernt worden, das Militär übt in Quito z.T. polizeiliche Aufgaben aus. Die Polizei in Quito ist zunächst nicht präsent. Lediglich die Policia Metropolitana [ohne Schusswaffen] versieht ihren verkehrsregelnden Dienst.
Ausführliche Untersuchungen hat bereits der Generalstaatsanwalt noch am selben Abend angekündigt.
Die Flughäfen sind wieder offen. Die unmittelbare Lage in den Straßen verläuft ruhig. Die Leute gehen ihren Alltagsgeschäften nach, auch wenn heute landesweit kein Schulunterricht stattgefunden hat.
Ein Tag nach dem Putsch schießen sich die Medien auf die These Correas ein, dass rechte Kreise rund um Gutiérrez verantwortlich seien.

Erste Informationen u.a. auf www.amerika21.de

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